29. November 2020

Die Dürre von 2020

Filed under: Allgemein,Klima — zettberlin @ 22:50

In 2020 hatten wir sehr viele aufregende Ereignisse.

Eins davon hat viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommen: die extreme Trockenheit, die hier, in der norddeutschen Tiefebene deutlich sichtbare Schäden an den Wäldern angerichtet hat.

Abgestorbene Fichten

Abgestorbene Fichten am Ufer eines ausgetrockneten Kanals nahe Celle/Niedersachsen

Bei “Dürre” denkt man normalerweise an ausgetrocknete Teiche mit aufgeplatzten Schlammböden und abgestorbene Felder in der Sahelzone.
Dürre ist aber eigentlich nur ein dauerhafter Wassermangel in der Biosphäre einer Region. Auch, wenn sich keine “Wüste” bildet, kann das dauerhafte Fehlen von 10 oder 20% des normalen Feuchtigkeitsanteils deutlich spürbare, dauerhaft wirksame Auswirkungen auf das Leben einer Region haben.

Vor allem natürlich auf die Pflanzen, dann auf die Insekten, die von den Pflanzen leben und dann auf die Tiere, die von den Insekten leben. Dass der Rückgang der Insekten auch Auswirkungen auf die Pflanzen hat und dass Rückgang von Pflanzen auch Nahrungsmangel für grasende Säugetiere hat, sollte klar sein.

In der Umgebung von Celle habe ich dieses Jahr zwei sichtbare Anzeichen von Dürre beobachtet:

  1. Die 3 wichtigsten Flüsse Aller, Fuhse und Lachte haben permanent einen niedrigen Wasserstand
  2. Die meisten Kanäle, die dieses Flusssystem seit ca 300 Jahren verbinden, führen teilweise extrem wenig Wasser, teils sind sie ganz ausgetrocknet
trockenheit_kanal Celle Fuhse

Der alte Fuhsekanal wurde für Lastkähne gebaut. Hier ist er fast trocken, die Bäme im Hintergrund benötigen viel Wasser.

Im Bild oben ist vorn üppiges Grün zu sehen, dahinter abgestorbene Fichten zwischen ebenfalls scheinbar gesunden Bäumen. Das Schilf wächst in einem Kanal, der nur noch aus einem Rinnsal aus Schlamm besteht. Klassische Kanäle zeichnen sich dadurch aus, dass sie ähnlich wie Flüsse nur zum Teil aus dem sichbar fließenden Wasser bestehen. Das fließende Wasser ist der Überschuss an Feuchtigkeit im gesamten System des Wasserlaufs. Um den Wasserlauf, also das “Bett” des Kanals oder Flusses ist der Grund mit Wasser gesättigt, das fließende Wasser ist zu sehen, weil der darunterliegende Boden kein weiteres Wasser aufnehmen kann.

Dieser nicht sichtbare, sehr feuchte Untergrund versorgt die Pflanzen in seiner Umgebung mit Wasser.

Warum sterben dann die Fichten, nicht aber die anderen Bäume in ihrer Umgebung?

Weil Fichten flache Wurzeln(sog. “Tellerwurzeln”) haben. Sie nehmen ihr Wasser auf einer relativ großen Fläche aber nicht aus großer Tiefe auf. Kiefern zum Beispiel haben Pfahlwurzeln, die bis zu 6 Meter tief reichen und so auch mit niedrigem Wasserstand zurecht kommen.

In der nordeutschen Tiefebene waren 2020 überall abgestorbene Fichten zu beobachten. Wir haben einen solchen Baum in inserem Garten stehen. Obwohl wir den Garten mit einer Pumpe mit Grundwasser bewässern, starb der Baum, der 60 Jahre lang neben einem etwas größeren gewachsen war. Das Wasser reichte einfach nur für einen Baum und der etwas stärkere hat die Dürre bis jetzt überlebt, der etwas kleinere ist vertrocknet…

Wie vertrocknen Bäume?

Wie alle Pflanzen haben Bäume so genannten “Kapillaren” diese sehr kleinen Röhrchen transportieren Flüssigkeiten durch einen Effekt, der auf Wasser am Eingang sehr dünner Röhren wirkt. Vereinfacht gesagt, ist es der gleiche Effekt, der auch die Saugfähigkeit von Schwämmen und Zellstofftüchern bewirkt. Voraussetzung ist, dass die Röhren zwar dünn aber durchlässig sind. In Pflanzen bedeutet das, dass die Kapillaren nicht längere Zeit austrocknen dürfen. Sonst fallen sie zusammen, der Effekt ist am Schrumpfen von trocknendem Holz zu beobachten.

Pflanzen können nicht aktiv auf ihre Umwelt reagieren. Sie können ihr Wachstum in Richtung von Lichtquellen verstärken und ihre Wurzeln in die Gegenrichtung wachsen lassen, um an Wasser zu kommen aber mehr Felxibilität haben sie nicht.

Lässt die Feuchtigkeit in einer Kapillare nach, saugt diese einfach Feuchtigkeit nach, ohne darauf Wert zu legen, aus welcher Richtung das Wasser kommt. Wenn die Wurzeln genügend Wasser aus dem Boden angesaugt haben, transportieren die Kapillaren das Wasser und die Nährstoffe nach oben, an das “Ende” der Pflanze. Kalifornische Seqoia Mammutbäume können so Tonnen von Grundwasser bis in 100 Meter Höhe saugen.

Aber wenn aus den Wurzeln zu wenig Wasser kommt, saugen die Kapillaren die Nadeln, Blätter und Zweige aus. Apfelbäume besitzen die Fähigkeit, dabei einen Unterschied zwischen Früchten und Blättern zu machen. In sehr trockenen Sommern kann man Apfelbäume sehen, denen die Blätter abfallen, während die Äpfel weiterwachsen und kleiner aber vollständig ausreifen.

Nadelbäume sind primitiver: erst trocknen die Nadeln aus, dann die Zweige und wenn der Ast ausgetrocknen ist, beginnen auch die Kapillaren der Stammrinde auszutrocknen.
Ausgetrocknete Kapillaren verstopfen und können auch kein Wasser mehr transportieren, wenn die Wurzeln beginnen, nachzuliefern.
So verliert die Stammrinde immer mehr die Fähigkeit, Wasser nach oben zu saugen.

Trocknet schließlich der ganze Stamm aus, stirbt das System Baum und es lässt sich nicht wiederbeleben.

Was bedeutet das?

Das bedeutet, dass der Klimawandel ganz konkret, hier bei uns bereits sehr sichtbare, nicht umkehrbare Effekte bewirkt. Wenn nächstes Jahr das Aller/Fuhse/Lachtesystem wieder mehr Wasser führen sollte, wird das die 2020 vertrockneten Fichten in der Region nicht wieder lebendig machen.

Fallen die weniger elastischen und Fäulnisbakterien ausgelieferten Baumleichen nicht von selbst, müssen sie gefällt werden.

Die Wälder werden lichter und Bäume, die zum Beispiel den Windschatten der Fichten genutzt haben, werden stärker belastet, durch Stürme, die ebenfalls stärker werden. Man nennt das auch “Versteppung”.

Bei einem natürlichen Verlauf würden entweder Bäume nachrücken, die besser mit weniger Wasser zurechtkommen oder eben eine Steppe entstehen, die in unserer Gegend “Heide” genannt wird.
Aber der Verlauf ist nicht natürlich. Das Klima wandelt sich zu schnell für Wälder. Möglicherweise würden sie durchhalten, wenn man gezielt Bäume anpflanzt, die trockene Böden bevorzugen. Nur leider ist die Dürre von 2020 nur eine Seite des Klimawandels, eine andere ist das hier:

Hochwasser Aller bei Celle 2018

Hochwasser Aller bei Celle 2018

Die Mündung der Fuhse in die Aller im Januar 2018: die Aller ist an dieser Stelle bei normalem Wasserstand 10-12 Meter breit. Solche Hochwasser sind hier nicht sehr ungewöhnlich, allerdings treten sie in den letzten 10 Jahren häufiger auf, halten länger an und finden zu ungewöhnlichen Zeiten statt. Statt nach der Schneeschmelze im Harz hatte sich diese Flut hier bereits im Dezember aufgebaut und sie hielt einige Wochen an.

Ich bin in dieser Hinsicht kein Experte aber soweit mir bekannt ist, leiden Bäume, die besonders effizient Wasser aus trockenen Böden saugen können, darunter, wenn sie buchstäblich im Wasser stehen. Es mag auch Baumarten geben, die sowohl Dürre als auch Hochwasser problemlos überstehen, ob die sich schnell genug ausbreiten lassen, um die Wälder zu erhalten, wäre aber fraglich.

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Fitting perfectly well into the colours of a meadow since the late Cretaceous. Some 130 million years of learning can do wonders, methinks...