{"id":226,"date":"2012-05-27T00:42:17","date_gmt":"2012-05-27T00:42:17","guid":{"rendered":"http:\/\/lapoc.de\/zblog\/?p=226"},"modified":"2012-05-27T01:14:15","modified_gmt":"2012-05-27T01:14:15","slug":"gruse-aus-der-salatschussel-sybille-lewitscharoff-in-der-berliner-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lapoc.de\/zblog\/?p=226","title":{"rendered":"Gr\u00fc\u00dfe aus der Salatsch\u00fcssel (Sybille Lewitscharoff in der Berliner Zeitung)"},"content":{"rendered":"<p>Gr\u00fc\u00dfe aus der Salatsch\u00fcssel (Sybille Lewitscharoff in der Berliner Zeitung)<\/p>\n<p>Liebe Frau Lewitscharoff,<\/p>\n<p>Ich bin sehr erstaunt und befremdet, wenn ich Ihre Stellungnahmen zur aktuellen Urheberrechtsdebatte h\u00f6re und lese. Ich habe volles Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass sie den Aufruf auf wir-sind-die-urheber.de unterschrieben haben. Auch, wenn es eine gewisserma\u00dfen freudsche Qualit\u00e4t hat, dass sie denselben gleich zweimal gezeichnet haben. Das Thema ist Ihnen sehr wichtig, das wird an vielen Stellen deutlich. Schlie\u00dflich sehen Sie sich als Berufsautorin direkt von den Entwicklungen der letzten 10 Jahre betroffen.<br \/>\n[singlepic id=20]<br \/>\nAber als eine Autorin, die  pr\u00e4zise und tiefsch\u00fcrfend komplexe Sachverhalte  zu beschreiben vermag, sollten Sie zumindest eine vergleichbare Sorgfalt bei der Beurteilung von vergleichsweise einfachen Dingen wie der Kommunikation im Internet anwenden.<\/p>\n<p>Im <a href=\"http:\/\/www.berliner-zeitung.de\/kultur\/urheberrecht-und-piraten--kulturflatrate--unsinn--,10809150,16107922.html\" title=\"Interview\">Interview mit der Berliner Zeitung<\/a> sagen Sie:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Das Internet produziert eher einen Wissenssalat als Wissen, weil hierarchielos der gr\u00f6\u00dfte Unsinn neben gehaltvollen Gedanken steht.&#8221; <\/p><\/blockquote>\n<p>V\u00f6llig richtig aber schauen Sie sich mal eine durchschnittliche Buchhandlung, Bibliothek oder einen Zeitschriftenkiosk an. Steht da nicht auch hierarchielos v\u00f6lliger Bl\u00f6dsinn neben interessanten, durchdachten Werken? Stehen da nicht die grotesken Erg\u00fcsse von Medienpersonen neben den B\u00fcchern von Steven Pinker und Friedrich Nietzsche? Da k\u00f6nnen Sie mit einer Handbewegung Jonathan Franzen, Cory Doctorow, Sybille Lewitscharoff und zwei B\u00e4nde Wanderhure oder Biss im Morgengrauen in Ihren Einkaufskorb schieben.<br \/>\nOder meinen Sie: auf einer Webseite stehen gleichzeitig Bl\u00f6dsinn und N\u00fctzliches? Dann bl\u00e4ttern Sie mal in der S\u00fcddeutschen Zeitung, im Spiegel oder in sonst einem hochm\u00f6genden, anerkannten Presseerzeugnis: die einzige Hierarchie, die Sie finden werden, ist die gleiche wie die im Internet. Aufmerksamkeit. Was die Aufmerksamkeit von Lesern\/K\u00e4ufern\/Konsumenten erregen kann, steht ganz vorne herausgestellt, was nicht, allenfalls unter &#8220;Vermischtes&#8221; oder eben unter &#8220;Special Interest&#8221;.<\/p>\n<p>Nun ist es im Internet allerdings auch so, dass die Aufmerksamkeit erst einmal die einzige W\u00e4hrung ist. Geld spielt oft keine Rolle, weil die Technik so billig zu mieten ist, dass sie sich oft gar nicht amortisieren muss. Der Amateur &#8212; der Liebhaber also, kann jederzeit f\u00fcr 4-5 Euro im Monat die ganze Welt mit Inhalten versorgen, f\u00fcr die er (oder sie) keinen Cent zur\u00fcckbekommt.<\/p>\n<p>Dabei entsteht auch viel Unsinn aber selten die gleiche Art von Unsinn, die man in kommerziellen Verlagserzeugnissen lesen kann. <\/p>\n<p>Und die Technik erlaubt eine nahezu unmittelbare Peerreview. In den von Ihnen so verachteten &#8220;Plapperforen&#8221; wird Unsinn sofort auseinander genommen &#8212; sobald er eine gewisse Aufmerksamkeit erregt. Und wer als Autor sachliche Kritik nicht ernst nimmt, wird selbst nicht ernst genommen. Auch ich bin kein Freund von Facebook und ich wei\u00df auch, dass in vielen Foren tats\u00e4chlich nur geplappert wird. Aber w\u00fcrden Sie die gesamte Zeitungslandschaft f\u00fcr idiotisch halten, weil Sie in der Bildzeitung t\u00e4glich v\u00f6lligen Unsinn lesen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Ich denke, Sie spielen auf die Arbeit an, die von klassischen Verlagen im Hintergrund geleistet wird: Lektorat etc. Damit haben Sie Recht aber welches Naturgesetz sollte verhindern, dass nicht auch Webseiten lektoriert werden? Und warum kann ein sprachbegabter, gebildeter Mensch nicht auch als halbanonymer Wikipedia-Admin gute Lektoratsarbeit machen? Weil er (oder sie) nicht bezahlt wird? Was w\u00fcrden Sie von einem Lektor halten, der sich nur f\u00fcr die Qualit\u00e4t von Texten einsetzt, wenn er bezahlt wird? Hat nicht die Arbeit mit Sprache und Dichtung auch intrinsische Vorteile, die in vielen F\u00e4llen die Motivation durch den Gehaltsscheck \u00fcberwiegen?<br \/>\nNat\u00fcrlich ist es am Besten, wenn gute, sch\u00f6ne Areit auch gut bezahlt wird. Und in F\u00e4llen, wo der Aufwand nur in Vollzeit zu schaffen ist, muss am Ende normalerweise auch ein Einkommen herauskommen. Ich selbst schreibe auch Artikel f\u00fcr Fachzeitschriften und bestreite damit einen guten Teil meines Lebensunterhalts. Ich schreibe aber auch Texte aus Liebhaberei, ohne Bezahlung aber mit dem gleichen Qualit\u00e4tsanspruch.<\/p>\n<p>Sie sagen, wie viele andere auch, dass Wikipedia &#8220;von Fehlern wimmeln&#8221; w\u00fcrde. Nun ja, es gibt tats\u00e4chlich Fehler in der Wikipedia. Allerdings macht sich kaum noch jemand die M\u00fche, Wikipedia mit den auf klassischem Wege von bezahlten Redakteuren geschriebenen Enzyklopedien zu vergleichen. Weil diese schon vor Jahren nur noch in Sachen schriftstellerischer Qualit\u00e4t mithalten konnten. Die Zahl der sachlichen Fehler in Wikipedia liegt in den meisten Tests unter der Rate, die in klassischen Lexika zu finden ist. Von Vollst\u00e4ndigkeit ganz zu schweigen. Ich sehe tats\u00e4chlich die Gefahr, dass irgendwann der Glaube aufkommt, dass Dinge, die in der Wikipedia nicht vorkommen, schlicht nicht existieren.<\/p>\n<p>Ich hatte erw\u00e4hnt, dass mich ihre Aussagen in der Berliner Zeitung befremden. Eine Ihrer Formulierungen ist mir im Vergleich mit der Qualit\u00e4t Ihrer literarischen Arbeit besonders seltsam vorgekommen. Ich meine das Wort von &#8220;Wissenssalat&#8221;. Was soll das sein? Es gibt f\u00fcr Wissen eine anerkannte Definition und alles, was dieser Definition entspricht, ist Wissen und nichts anderes.  Ohne Ihnen Tipps geben zu wollen: &#8220;Faktensalat&#8221; w\u00e4re eine ziemlich unangenehm treffende Beschimpfung gewesen, die sich nicht so leicht entkr\u00e4ften lie\u00dfe. Die Methode, nach der das Internet sich selbst von Unfug reinigt, trifft \u00fcberwiegend nur sachlich falsche Informationen. Gegen krude zusammengew\u00fcrfelte und schlecht formulierte Faktenansammlungen wirkt die Peerreview weit weniger effektiv.<\/p>\n<p>Aber Wissen ist Wissen, egal, ob es in der Encyclopedia Britannica, auf einer babylonischen Tontafel oder auf einer Webseite niedergeschrieben ist. Vor etwa 6 Jahren hat im Spiegel ein so genannter &#8220;Experte&#8221; gesagt, Wikipedia sei &#8220;Meinungswissen&#8221;. Das geht auch in die Salatrichtung aber noch dar\u00fcber hinaus. Ich hatte damals gerade den Eintrag zu Band Black Sabbath f\u00fcr die deutsche Wikipedia geschrieben. Darin hatte ich erkl\u00e4rt, das erste Album der Band sei 1969 aufgenommen und 1970 erscheinen. Das sind ganz einfach Tatsachen, die weder mit Salat, noch mit meiner Meinung irgendetwas zu tun haben. Der Satz, den ich dazu geschrieben hatte, k\u00f6nnte 1:1 auch in der Britannica oder Meyers Lexikon abgedruckt werden, er ist um kein Leerzeichen weniger geeignet als alles, was ein Berufsenzyklop\u00e4dist h\u00e4tte schreiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Lassen Sie mich noch eine Ihrer Thesen aus dem Interview so zu sagen philosophisch kritisieren.<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Das allzu leicht Erreichbare ehren wir nicht.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Das trifft vielleicht aus sportlicher oder calvinistischer oder sonstwie asketischer Haltung heraus zu aber all diese Haltungen sind letztlich neurotisch. Die besten Dinge im Leben bekommen wir geschenkt und viele fallen uns einfach zu. Viele andere gute Dinge m\u00fcssen wir uns erarbeiten. Allerdings ist man gut beraten, solche Anstrengungen ebenfalls  als eine willkommene, erfreuliche T\u00e4tigkeit anzusehen. Gerade das sich Aneignen von Kunst hat mit dem, was in den ersten Zeilen des Nibelungenlieds &#8220;schwere arebeyth&#8221; genannt wird, nichts zu tun. Es ist mir keine Qual, Gitarre spielen zu \u00fcben oder eine Sprache zu lernen: es ist mir eine Freude, die ich leider nicht oft genie\u00dfen kann, weil dergleichen nun einmal schlecht bezahlt wird. Anstrengend ist es bestimmt, wenn man es richtig macht aber <em>eine Qual<\/em> ist nur und immer eine T\u00e4tigkeit, f\u00fcr die man sich nicht interessiert.<\/p>\n<p>Aus dieser Haltung heraus kann ich alles sch\u00e4tzen, was mir gut und sch\u00f6n erscheint. Wenn ich ein gro\u00dfartiges Musikst\u00fcck bei Youtube herunterlade oder im Radio h\u00f6re, bleibt es ein gro\u00dfartiges Musikst\u00fcck, welches ich mir durch konzentriertes Anh\u00f6ren erschlie\u00dfe und aneigne. Dazu geh\u00f6rt auch die Recherche nach Hintergrundinformationen und oft auch der Kauf von ansprechend gestalteten Tontr\u00e4gern und von Eintrittskarten. Es ist mir nun mehr als einmal passiert, dass ich eine LP gekauft habe (ich kaufe tats\u00e4chlich selten CDs und nie Downloads), bei der ich feststellen musste, dass das ganze Album doch nicht so gut wie der eine gute Song oder das vorhergehende Album ist. Und dann kann es schon vorkommen, dass ich *versuche* die Platte doch gut zu finden, weil ich sie ja schlie\u00dflich m\u00fchevoll aufgetrieben und gekauft habe.<\/p>\n<p>Wie falsch das ist, kann man jederzeit in hunderten unendlich \u00f6den Musikst\u00fccken h\u00f6ren, die von Musikern gespielt werden, die sehr viel M\u00fche und Arbeit in ihre Virtuosit\u00e4t und leider zu wenig Lust, Geduld und Urteilsverm\u00f6gen in ihre Musik investiert haben.<\/p>\n<p>Zum Schluss m\u00f6chte ich Sie um etwas bitten: Weisen Sie die Redakteure der Wikipedia auf die konkreten Fehler in Ihrer Seite hin. Diese gewissenhaften und flei\u00dfigen Menschen haben Ihre Kritik in dem Interview sofort aufgegriffen und m\u00f6chten gerne diese Fehler beseitigen.<br \/>\nLassen Sie sich auch nicht durch die scharfen Bemerkungen zu Ihrem Interview irritieren. Die private Meinung der Redakteure ist das, was das Wikipediasystem am meisten aus den Artikeln herauszuhalten trachtet.<\/p>\n<p>Ich teile \u00fcbrigens einige der ge\u00e4u\u00dferten Ansichten, w\u00fcrde diese aber nie und nimmer derart grob formulieren. Mir hat das Interview leider den Eindruck vermittelt, dass Sie das Internet mit seiner anarchischen Freiheit f\u00fcr jeden mit einem gewissen Hochmut betrachten. <\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde mich freuen, wenn Sie sich die Arbeit machen w\u00fcrden, sich zum Internet Wissen anzueignen und dadurch eine differenziertere Haltung.  Vielleicht auch eine noch sch\u00e4rfer ablehnende aber bitte etwas sachlicher und pr\u00e4ziser als in diesem Interview.<\/p>\n<p>alles Gute<\/p>\n<p>Hartmut Noack, Berlin<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gr\u00fc\u00dfe aus der Salatsch\u00fcssel (Sybille Lewitscharoff in der Berliner Zeitung) Liebe Frau Lewitscharoff, Ich bin sehr erstaunt und befremdet, wenn ich Ihre Stellungnahmen zur aktuellen Urheberrechtsdebatte h\u00f6re und lese. Ich habe volles Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass sie den Aufruf auf wir-sind-die-urheber.de unterschrieben haben. 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