{"id":220,"date":"2012-04-06T00:38:50","date_gmt":"2012-04-06T00:38:50","guid":{"rendered":"http:\/\/lapoc.de\/zblog\/?p=220"},"modified":"2012-04-08T01:01:39","modified_gmt":"2012-04-08T01:01:39","slug":"cthulu-fthaghn-handelsblatt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lapoc.de\/zblog\/?p=220","title":{"rendered":"Cthulu Fthaghn Handelsblatt!"},"content":{"rendered":"<p>Beim letzten Mal hatte ich mich gewundert, dass sowohl Michel Houellebecq als auch Steven King die Leserinnen und Leser von Horrorliteratur stillschweigend in die Gruppe der Opfer, jedenfalls der Angegriffenen in den Geschichten dieses Genres eingereiht hatten.<br \/>\n[singlepic id=19]<br \/>\nBeide unterstellen den Lesern einen Abscheu gegen die Monster und \u00fcberhaupt gegen die bad boys von fantastischen Geschichten. Schon bei oberfl\u00e4chlicher Betrachtung wird deutlich, dass diese Einsch\u00e4tzung nicht ganz korrekt sein kann.<\/p>\n<p>Als George Lucas um die Jahrhundertwende die erste Trilogie seines alten Star Wars Films herausbrachte, erschienen zeitgleich die \u00fcblichen Merchendize-Artikel. Nat\u00fcrlich auch Spielfiguren der Charaktere von Episode 1. Keine dieser Figuren hat sich besser verkauft als Darth Maul: der schweigsame, tierisch fiese Auszubildende des Sith-Lords Darth Sidious. Die Firma Diamond Select Toys er\u00f6ffnete die erste Serie mit 1:4 gro\u00dfen Modellen von Star Wars Figuren mit Darth Maul und die 50 Dollar teure Figur ist heute nicht nur vergriffen, sie wird f\u00fcr Preise um die 200$ gehandelt.<\/p>\n<p>Sieht fast so aus, als w\u00fcrden sich einige Star Wars Fans gef\u00e4hrlich stark von der dunklen Seite der Macht angezogen f\u00fchlen&#8230; Nun, soweit ich das sagen kann, abgesehen von den wahrlich fantastischen Landschaften, Bauten und Bef\u00f6rderungsmitteln in Episode 1 und abgesehen vom Charisma von Ewan MacGregor war Darth Maul der wichtigste Grund f\u00fcr mich, die an sich triviale Story und die d\u00e4mlichen Dialoge von Episode 1 hinzunehmen. Unter anderem, weil sich Darth Maul auch so gut wie gar nicht an dem albernen Geschwafel beteiligt hat. Sein Kost\u00fcm pr\u00e4sentiert ein etwas echsenhaftes Wesen in einem Ringgeister-Mantel, stets w\u00fcrdevoll und kontrolliert, gleichzeitig unsagbar wild und gef\u00e4hrlich athletisch: Was kann sich ein junger Mann besseres w\u00fcnschen als Folie seiner Ambitionen?! <\/p>\n<p>Da Darth Maul eben nicht spricht, kann man ihm alles in den Mund legen und wenn er allein vor dem Reaktor auf Naboo aufmarschiert und ohne ein Wort deutlich macht, dass es schwieriger wird an ihm vorbei zu kommen als an hundert stumpfsinnigen Kriegsrobotern, verk\u00f6rpert er die r\u00fccksichtslose Freiheit des Ungebundenen: unzivilisiert, brutal aber mit t\u00e4nzerischer Geste und in vollendetem Stil.<\/p>\n<p>Und zu Cthulu ist es nur ein kleiner Schritt. <\/p>\n<h3>Und nun zur Frage, was hat Lovecraft heute zu bedeuten:<\/h3>\n<p><a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/deutschland\/urheberrecht-was-keinen-preis-hat-hat-in-der-marktwirtschaft-keinen-wert\/6482104-3.html\" title=\"Handelsblatt 100 mal mein Kopf\"> handelsblatt.com\/politik&#8230; was-keinen-preis-hat-hat-in-der-marktwirtschaft-keinen-wert&#8230;<\/a><\/p>\n<p>Das Handelsblatt hatten wir hier schon: <a href=\"https:\/\/lapoc.de\/zblog\/?p=146\" title=\"Heveling und Lanier\u2026\">Herr Heveliung<\/a> hatte sich in demselben zur Netzgemeinde im Verh\u00e4ltnis zu den Schriften eines von ihm (Hevelik) selbst halluzinierten &#8220;Jaron Lavier&#8221; ausdr\u00fccken d\u00fcrfen. Ob er daf\u00fcr einen Preis kassiert hat, ist schwer zu sagen, jedenfalls behauptet ein Sven Prange jetzo, dass ein geistiges Konstrukt nichts wert sei, so es nicht dank Einschr\u00e4nkung seiner Verf\u00fcgbarkeit, der marktwirtschaftlichen Preisbildung teilhaftig werden k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Die Einfalt dieses Gedankens ist ph\u00e4nomenal und ich denke, ich habe hier tats\u00e4chlich ein Artefakt der Kultur des 21sten Jahrhunderts entdeckt, wof\u00fcr ich sicher nach der Einf\u00fchrung desselben einen Nobelpreis in Kulturwissenschaft bekommen werde. <\/p>\n<p>Ich nenne es: <em>Tunnelkurzschluss<\/em>.  <\/p>\n<p>Freilich kann man behaupten, dass etwas ohne Preis keinen Wert besitzt, dazu muss man aber in einem Tunnel verharren, in dem Wert nur aus finanziellem Umsatz besteht. Solche absichtliche Deprivation ist eine beliebte und v\u00f6llig akzeptable Technik zur Durchf\u00fchrung von Gedankenexperimenten: wenn die tats\u00e4chlichen Umgebungseinfl\u00fcsse zu komplex f\u00fcr eine Untersuchung sind, schlie\u00dft man einzelne Aspekte solange aus, bis sich der Blick auf einen Teilaspekt kl\u00e4rt, den man gerade untersuchen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Prange und die Kurzgeschlossenen seinesgleichen versuchen allerdings den Tunnel ihres Gedankenexperiments, in dem ein imagin\u00e4rer &#8220;Markt&#8221; als Modell des Lebens, des Universums und des ganzen Rests herhalten muss, mit der <em>tats\u00e4chlichen<\/em> Welt kurzzuschlie\u00dfen. <\/p>\n<p>Demnach w\u00e4ren Lovecrafts Werke ohne Wert, denn einen Preis haben sie seit  dem 70. Todestag ihres Verfassers  am 15. M\u00e4rz 2007 nicht mehr. Komischerweise entfalten sie aber immer noch eine erstaunliche Wirkung. K\u00f6nnen wertlose Dinge etwas bewirken Herr Prange? <\/p>\n<p>[singlepic id=18]<\/p>\n<p>Das Werk Lovecrafts ist ein geradezu perfektes Beispiel f\u00fcr das, was mit popul\u00e4rer Kunst geschehen kann, wenn ihr Uhrheberrecht so behandelt wird, wie es die radikaleren unter den Piraten vorschlagen. Ich gebe zu, dass auch ich immer wieder schlucken muss, wenn ich einen Piratenvertreter sagen h\u00f6re &#8220;Es muss dem Autor nicht gefallen, was der Remixer mit seinem Werk macht.&#8221;<\/p>\n<p>Garstig aber wohl konsequent denn letztlich entsteht Kunst immer auch beim Rezipienten. Sobald ein Werk ver\u00f6ffentlicht ist, wird es verfremdet, indem es sich die Leute da drau\u00dfen &#8220;<em>aneignen<\/em>&#8220;, wie man so sagt. Die Werke Lovecrafts m\u00fcssen gar nicht &#8220;remixt&#8221; werden, um ganz anders als gemeint bei ihren Lesern anzukommen.<\/p>\n<p>Der alte Gentleman hatte sicher vieles mit seinen Stories bewirken wollen aber bestimmt nicht, dass rebellische junge Leute zu ihren Monstertattoos Tshirts tragen, auf denen &#8220;<em>What the Fthaghn!<\/em>&#8221; steht. Und? k\u00f6nnte er das verhindern, wenn er noch immer das alleinige Urheberrecht an seinen Sch\u00f6pfungen h\u00e4tte? Nach deutschem Urheberrecht k\u00f6nnte er, in den USA w\u00fcrde ihm meist die pauschale Parodiefreiheit im Wege stehen.<br \/>\nUnd was w\u00fcrde er damit bewirken? In der Tat sind die meisten Wiederbelebungen von Lovecrafts Werken und Motiven zumindest teilweise nicht im Sinne des Verfassers gestaltet. Die meisten haben eine deutliche Schlagseite in Richtung Parodie und einige sind der Intention Lovecrafts direkt und ernst gemeint entgegen gesetzt:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"420\" height=\"315\" src=\"http:\/\/www.youtube.com\/embed\/FOHJUrcVdJk\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Der Tunnelkurzschluss von Houellebecq und Steven King ist, dass sie die literarisch-handwerklichen Aspekte der Entstehung von Literatur, das Ringen der Person des Autors mit seinem Stoff, mit dem gleich setzten, was den Charakter des Werks pr\u00e4gt. Dieser Charakter entsteht aber beim Leser und der formt aus Lovecrafts Angstvorstellungen einen h\u00f6chst vergn\u00fcglichen, anarchistischen Anschlag auf die graue Welt der kleinb\u00fcrgerlichen Ordentlichkeit. Wenn ein heutiger Leser von &#8220;The Call of Cthulu&#8221; Abscheu und Emp\u00f6rung versp\u00fcrt, dann eher an den Stellen, in denen die Polizisten die Anh\u00e4nger des Kults umbringen oder wenn abwertend rassistisch \u00fcber die Rituale der &#8220;Esquimaux&#8221; geredet wird. Der Aufstieg R&#8217;lyehs und der Ausbruch Cthulus aus seiner Gruft bewirken eher Gef\u00fchle von Faszination und Begeisterung &#8220;<em>Ja! Zeig&#8217;s diesen bl\u00f6den Spie\u00dfern, gro\u00dfes, fieses Monster!<\/em>&#8221;<\/p>\n<p>Und diese Faszination h\u00e4tte ein Autor, der genauso tickt, schwerlich genauso hinbekommen.<\/p>\n<p>Es ist gerade die echte Furcht, Lovecrafts tief empfundener Abscheu vor allem, was sich unter der Wasseroberfl\u00e4che verbirgt, die Cthulu, Dagon, Yogg Sothot und Konsorten so erstaunlich lebendig und echt wirken lassen. In ihnen flie\u00dft das Herzblut des Kleinb\u00fcrgers Howard Phillips Lovecraft, des &#8220;<em>alten Gentlemans<\/em>&#8220;, der an der US-Ostk\u00fcste der 1920er Jahre als ein lebendes Fossil existierte.<\/p>\n<p>Vielleicht sollten wir von Zeit zu Zeit innehalten und bedenken, dass wir uns recht eigentlich an den Zuckungen eines armen Irren erg\u00f6tzen, der voller Entsetzen seine Albtr\u00e4ume schildert, die f\u00fcr uns aufregende Abenteuer sind.<\/p>\n<p>Und das alles, ohne zu bezahlen, weil wir n\u00e4mlich auch niemanden um Erlaubnis f\u00fcr den Zugriff fragen m\u00fcssen. <\/p>\n<p>Wann gibt es endlich die Blockbuster-Verfilmung von Call of Cthulu oder Mountains of Madness? Peter Jackson w\u00e4re genau der Richtige daf\u00fcr, Guillermo del Toro und Ridley Scott k\u00f6nnte ich mir auch vorstellen, vielleicht auch erst mal Arthouse von David Cronenberg oder David Lynch? Jedenfalls immer ohne Verlagsanw\u00e4lte im Nacken und ohne den Zwang, erst mal ein Budget f\u00fcr irgendwelche Exklusivrechte zusammen zu bringen.<\/p>\n<p> Lovecrafts Werk ist durch sein Heraustreten in den ungesch\u00fctzten Zustand der Gemeinfreiheit am 15. 03. 2007 weit \u00fcber seinen Autor hinausgewachsen. So, wie Kinder \u00fcber ihre Eltern hinauswachsen. Und wie Kinder ihre Eltern zwangsl\u00e4ufig unsterblich machen, machen das frei flottierende Call of Cthulu, Dunwich Horror, Behind the Wall of Sleep, Mountains of Madness und all die anderen h\u00f6chst eigent\u00fcmlichen Werke Lovecrafts auch ihren Autor unsterblich. Auf eine Art, die Howard Phillips, der alte Gentleman, sehr wahrscheinlich h\u00f6llisch genannt h\u00e4tte aber immerhin unsterblich: herausgehoben aus dem grauen Nichts des Vergessens, solange es Computernetze gibt, <em>f\u00fcr immer<\/em>.<\/p>\n<p>Da nun Unsterblichkeit nicht als Produkt mit Preisschild angeboten wird, w\u00e4re sie laut den Marktwirtschaftlern vom Handelsblatt &#8220;<em>nichts wert<\/em>&#8220;. Eigentlich erfreulich, dass Leute, die so denken, nicht daran interessiert sind, dass ihre Gedanken weiter leben. Man stelle sich vor, wie in 100 Jahren die Leute den Kopf sch\u00fctteln, wenn sie lesen, dass einer ihrer Vorfahren das elende, \u00f6de Geschwafel von Milton Friedman nachgeplappert und gar f\u00fcr Wissenschaft gehalten hat. Das w\u00e4re f\u00fcr die Autoren vom Schlage Prange noch peinlicher als die &#8220;What the Fthaghn&#8221;-Shirts f\u00fcr Lovecraft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim letzten Mal hatte ich mich gewundert, dass sowohl Michel Houellebecq als auch Steven King die Leserinnen und Leser von Horrorliteratur stillschweigend in die Gruppe der Opfer, jedenfalls der Angegriffenen in den Geschichten dieses Genres eingereiht hatten. [singlepic id=19] Beide unterstellen den Lesern einen Abscheu gegen die Monster und \u00fcberhaupt gegen die bad boys von [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,4,13,3],"tags":[41,52,38,49,47,42,37],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/lapoc.de\/zblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/220"}],"collection":[{"href":"https:\/\/lapoc.de\/zblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/lapoc.de\/zblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lapoc.de\/zblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lapoc.de\/zblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=220"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/lapoc.de\/zblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/220\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":224,"href":"https:\/\/lapoc.de\/zblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/220\/revisions\/224"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/lapoc.de\/zblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=220"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/lapoc.de\/zblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=220"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/lapoc.de\/zblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=220"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}