{"id":100,"date":"2011-12-21T18:40:59","date_gmt":"2011-12-21T18:40:59","guid":{"rendered":"http:\/\/lapoc.de\/zblog\/?p=100"},"modified":"2011-12-30T18:12:49","modified_gmt":"2011-12-30T18:12:49","slug":"the-syrens-of-spring-how-weary-i-am-1995-2011","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lapoc.de\/zblog\/?p=100","title":{"rendered":"The Syrens Of Spring: How Weary I am &#8212; 1995-2011"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/lapoc.de\/demos\/the_sos-how_weary_iam-21122011.flac\"><img loading=\"lazy\" width=\"400\" height=\"300\" class=\"alignright size-full wp-image-104\" style=\"float: right; margin: 12px;\" title=\"download flac-file\" src=\"https:\/\/lapoc.de\/zblog\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/goodbadweary.png\" alt=\"goodbadweary\" srcset=\"https:\/\/lapoc.de\/zblog\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/goodbadweary.png 400w, https:\/\/lapoc.de\/zblog\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/goodbadweary-300x225.png 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a><br \/>\nIrgendwann im Jahre 1995(ich war gerade nach Berlin gezogen), hatte ich einen Traum. Mir tr\u00e4umte, dass ich bei einer Fahrt mit der Stra\u00dfenbahn eingeschlafen war und dass ich an einer Endhaltestelle am Rande der Stadt vom Fahrer der Bahn geweckt wurde. Ganz genau ist mir der Traum nicht mehr im Ged\u00e4chtnis. Ich hatte ihn auf einem HP-Vectra-PC aufgeschrieben, der Vectra hatte als Speicherger\u00e4t ein 5,25\u2033-Diskettenlaufwerk an Bord. Da ich vers\u00e4umt habe, die Datei auf einen moderneren Datentr\u00e4ger zu kopieren, kann ich heute nicht mehr nachlesen, was denn genau in dem Traum geschah.<\/p>\n<p>Die Situation ist mir allerdings noch lebhaft in Erinnerung, weil sie zu den wiederkehrenden Motiven meiner pers\u00f6nlichen Erfahrungswelt geh\u00f6rt: vom Weg abgekommen, abgel\u00f6st von der vertrauten Umgebung, w\u00e4hrend die Zeit l\u00e4uft. Und in diese Situation gerate ich, wenn ich mich in einem Fahrzeug bewege und einschlafe.<\/p>\n<p>Ich stieg aus der Bahn und tat das, was der Instinkt jedem verirrten Wesen eingibt: Steige auf eine Anh\u00f6he verschaffe Dir einen \u00dcberblick \u00fcber diesen Teil der Welt. Mit etwas Gl\u00fcck k\u00f6nnte ich von einem Aussichtspunkt vertraute Landmarken erkennen. Dann w\u00fcsste ich zumindest, in welche Himmelsrichtung ich mich auf den Heimweg machen k\u00f6nnte. Der Schlaf blieb mein Begleiter in diesem Traum. Als ich an einer etwa 20 Meter hohen Stelle am Hang eines H\u00fcgels eine Bank erreichte, setzte ich mich und schlief wieder ein.<\/p>\n<p>Ich erwachte von einem Ton. Etwa das Pfeifen einer Dampflok oder eine kleine Schiffssirene. Lange geschlafen hatte ich nicht, denn als ich an der Endhaltestelle ausgestiegen war, hatte mich schon eine abendliche Stimmung empfangen. Jetzt blickte ich weit \u00fcber die Stadt nach Westen und die B\u00e4ume am Wegrand, die Endhaltestelle, die D\u00e4cher der Vorstadt, die Innenstadt und der Horizont waren mit dunklem Gold eines apokalyptischen Sonnenuntergangs \u00fcbergossen. Die Schienen der Bahn blitzten in diesem feurigen Glanz, der nichts beleuchtete sondern durch seine Leuchtkraft nur die aus der Nacht wachsenden Schatten dunkler erscheinen lie\u00df. Und ich dachte daran, dass es heller Mittag gewesen war, als ich noch in der Innenstadt mit der Strassenbahn losgefahren war. Und dass ich zu irgendeinem wichtigen Termin am Nachmittag, so gegen 15:00 unterwegs gewesen war.<\/p>\n<p>Alles was ich jetzt noch wollte, war von diesem verlassenen Ort weg und zur\u00fcck in die Geborgenheit der gro\u00dfen Stadt zu kommen.<\/p>\n<p>Etwa ein Jahr sp\u00e4ter spielte ich ein einfaches Gitarrenriff und suchte nach einem akzeptablen Text, den ich dazu singen k\u00f6nnte. Mir kam der Traum in den Sinn und so schrieb ich ein paar Zeilen passend zum Riff, die ihren Inhalt aus einer Beschreibung der Traumszene liehen:<\/p>\n<p>I had climbed a big mountain<br \/>\natop the town of the sheep<\/p>\n<p>Dass der Berg &#8220;big&#8221; war und die Stadt &#8220;den Schafen&#8221; geh\u00f6rte, hat mehr mit der gew\u00fcnschten Melodie und meinem damaligen Denken als mit reiner Inspiration zu tun. Die folgenden Zeilen kamen schnell und ich musste nicht viel an ihnen herumbasteln:<\/p>\n<p>as I was startling whith a whistle blowing<br \/>\nmust have been fallen asleep.<\/p>\n<p>so I opened my eyes,<br \/>\nand I wiped them well<br \/>\nand in the evening sun<br \/>\nthe place looked like hell.<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlung zu Ende zu bringen, hat mich noch viele Tage und am Ende Wochen gekostet. Denn an dieser Stelle war mein Traum abgebrochen und es macht viel Arbeit, wenn man k\u00fcnstlich etwas schaffen muss, das neben einem Traumgesicht bestehen kann.<\/p>\n<p>down the slope is a station<br \/>\ntells a dull neon-light<br \/>\ncould make it home by the city-railway<br \/>\nbefore the fall of the night<\/p>\n<p>so I tried to get up<br \/>\nto return to the town<br \/>\nbut my feet felt like lead<br \/>\nso I dropped to the ground<\/p>\n<p>Hier war mein sp\u00e4rlicher Born der Dichtkunst ausgesch\u00f6pft. Mir fehlt die Kreativit\u00e4t, lange, lyrische Texte zu verfassen. Daf\u00fcr habe ich einen gut ausgepr\u00e4gten Geschmack. Alles, was nicht mindestens originell und authentisch ist, alles, was nicht irgendetwas ungesagtes zu sagen hat, lasse ich lieber. Und wenn ich einen anderen finde, der etwas passendes gesagt hat, verwende ich das in Dankbarkeit als Zitat:<\/p>\n<p>how weary I am of my good and bad,<br \/>\nfor it does not make me fervour and fuel<br \/>\nthe just however &#8212; are fervour and fuel<\/p>\n<p>Friedrich Nietzsche\/Also sprach Zarathustra: Ein Buch f\u00fcr Alle und Keinen<\/p>\n<p>Also auch f\u00fcr mich. Die englische \u00dcbersetzung von Thomas Common, die man bei Project Gutenberg findet, gef\u00e4llt mir \u00fcbrigens in jeder Hinsicht besser als das deutsche Original. Obwohl sie wohl zurecht als nicht sehr exakt gilt. Es ist ein Text. Von einem Dichter erdacht und von einem anderen Dichter in einer anderen Sprache neu formuliert. Die Gedanken scheinen mir tief und es ist mir immer wieder ein Vergn\u00fcgen, ihnen zu folgen. Und ihre englische Form klingt genau so, wie ich es f\u00fcr mein St\u00fcck gebraucht habe.<\/p>\n<p>Aber urspr\u00fcnglich, 1996 gab es diese Zeilen noch nicht. Ich hatte das St\u00fcck auf Kassette aufgenommen. Ich gefiel mir damals darin, Computer f\u00fcr g\u00e4nzlich ungeeignet f\u00fcr Tonaufnahmen zu halten. Mein Snobismus in Sachen digitaler Tontechnik f\u00fchrte dazu, dass ich bis Ende der 1990er Jahre mit kaum tauglichen Kassettendecks und Videorecordertonspuren herumeierte, statt mit einem PC viel mehr zu erreichen. Denn genug Geld f\u00fcr wirklich studiotaugliche Analogtechnik hatte ich nicht und so blieben meine Aufnahmen krude Experimente.<\/p>\n<p>1999 beschloss ich endlich, mit dem Unsinn aufzuh\u00f6ren. Ich verkaufte meinen 386er B\u00fcro-PC und viele andere meiner Besitzt\u00fcmer und schaffte einen AMD K6 mit 600 MHz Taktfrequenz und 64MB RAM an, den ich mit Windows 98 und parallel mit Suse 6.4 best\u00fcckte. Mit dem Linux-System kam ich nicht sehr gut zurecht aber f\u00fcr Windows gab es diverse interessante Audio-Software. Ich nahm einige St\u00fccke mit Samplitude auf, von denen ich heute noch Demo-Mixe besitze.<\/p>\n<p>Die Traumgeschichte war nicht dabei und seltsamerweise spielte ich das St\u00fcck auch nicht mit meiner damaligen Band. Die hie\u00df auch schon the S.O.S., schrieb sich aber the Symposion Of Sickness. Bis 1999 haben wir jede Woche geprobt, einige Konzerte gespielt und ein Album aufgenommen. Letzteres ganz nach meinem Geschmack auf einer vollanalogen 16-Spur-Bandmaschine.<\/p>\n<p>Schon bald nach den Aufnahmen verlief sich die Band im Sande und ich stieg erst ins Internet und dann mit Suse 7.3 endlich richtig in Linux ein. Ich verbrachte ganze Tage und N\u00e4chte vor dem Rechner, lernte, Software aus den Quellcodes zu bauen und einen System f\u00fcr Echtzeitanwendungen einzurichten.<\/p>\n<p>Erst 2004 &#8212; fast 10 Jahre nach meinem Traumerlebnis, begann ich das alte Kassettendemo auf dem Computer, mit Linux und Ardour1 neu aufzunehmen. Das erste, was ich der urspr\u00fcnglichen Skizze hinzuf\u00fcgte, waren die Zeilen von Nietzsche am Ende des ersten Teils. Einige Wochen arbeitete ich mit einem alten Freund aus meiner Zeit in Hoyerswerda an dem St\u00fcck. Henry ist ein exzellenter Gitarrist und einer der wenigen vollwertigen Musiker, die ich kenne. Er \u00e4nderte die Tonart und f\u00fcgte einige neue Elemente wie mehrstimmige Slidegitarren ein. Allerdings war ich mit meinem Gesang in der neuen Tonart nicht sehr zufrieden und der erste Teil wirkte nun noch mehr wie ein erster Teil eines wenigstens zweiteiligen St\u00fccks. Wir trafen uns etwa 5 mal und arbeiteten an die 20 Stunden an How weary I am. Ich f\u00fcgte verschiedene Varianten von zweiten Teilen an, die alle nicht wirklich gut funktionierten. Meine Vision war ein schleppender, harter Schlagzeuggroove in dem mehrere absteigende Leadgitarrenlinien miteinander korrespondieren sollten. Vorher sollte eine \u00dcberleitung Spannung aufbauen. Irgendwann hatte ich ein St\u00fcck \u00dcberleitung. Mit Alsa Modular Synth gespielte Solostreicher-Stimmen klangen so \u00e4hnlich wie die Feedbacks im Zwischenspiel von &#8220;Fools&#8221; von Deep Purple. Diese Passage kann ich heute nicht mehr rekonstruieren. Danach nahm ich mehrere Varianten von absteigenden Gitarrenlinen auf, die alle nichts taugten. Das St\u00fcck begann einfach nicht zu leben.<\/p>\n<p>Ich lie\u00df es sein aber zwei Jahre sp\u00e4ter hatte ich wieder eine Band und eines Abends spielte ich den Jungs das St\u00fcck vor &#8212; also den fertigen ersten Teil in der urspr\u00fcnglichen Tonart. Die Band hatte nie einen richtigen Namen aber wir hatten unseren Spass. Eines Abends nahm ich einen MSI-Laptop mit Studio64\/Debian eine Presonus Firebox und ein paar Mikrofone in den Proberaum mit. Unser Gitarrist Michael hatte einen ziemlich brillianten Teil 2 entwickelt und wir spielten also das ganze St\u00fcck, das nun insgesamt auf 10 Minuten Spielzeit kam. Weil das Presonus-Interface nur 4 diskrete analoge Eing\u00e4nge bietet, nahmen wir erst irgendwie alles auf mit je einem Mikro f\u00fcr Michaels und meine Gitarre und irgendwie auch meine Stimme und 2 Overheads f\u00fcr das Schlagzeug. Danach habe wir diesen Pilottrack noch mal durchlaufen lassen und dazu hat dann Fred, unser Zahnarzt und Schlagzeuger, das St\u00fcck noch mal mit Extramikros f\u00fcr Bassdrum und Snare plus Overheads gespielt.<\/p>\n<p>Leider war der Teil mit den Gitarren nicht zu gebrauchen. Es klang unertr\u00e4glich schlecht und vor allem waren diverse Lautst\u00e4rkeschwankungen und Spielfehler zu h\u00f6ren. Den Aufwand, die Aufnahme zu wiederholen, brachten wir nicht zustande. Aber 2007 nahm ich mir das Ardour-Projekt mit den Aufnahmen meiner inzwischen wieder eingestellten Band noch einmal vor und fand, dass der Schlagzeugpart durchaus einen gewissen Charme hatte.<\/p>\n<p>Also nahm ich Gesang und zwei Gitarrenspuren dazu auf. Die Gitarren spielte ich mit AMSGuitrack: meinem kleinen Patch f\u00fcr Alsa Modular Synth. In dem sind die Gitarreneffektmodule der C*-Sammlung von Tim Goetze und David Yeh zu einem virtuellen Gitarrenverst\u00e4rker zusammengeschaltet. Das System lie\u00df sich nur unter M\u00fchen einstellen aber wir konnten mit etwas Sorgfalt und Herumexperimentieren viele verschiedene, teilweise ganz exzellent klingende Gitarrensounds herausholen. Diese zwei Gitarrenspuren, der Gesang und Freds Schlagzeug sind heute immer noch im ersten Teil des St\u00fccks zu h\u00f6ren. Auch das Filter-Plugin von Fons Adriaensen, das eine der Gitarren besonders basslastig klingen l\u00e4sst, ist seit 2007 in der Projektdatei, aus der ich die heute ver\u00f6ffentlichte Version exportiert habe. Manch einer wird vielleicht sagen, dass gerade diese Gitarre irgendwie elektronisch, kratzig klingt. Ganz recht, so soll sie auch klingen. Dass die Verst\u00e4rkeremulation von Tim G\u00f6tze durchaus auch ganz klassisch-realistisch klingen kann, kann man bei Interesse im St\u00fcck Ashita nachh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Ich habe irgendwann f\u00fcr mich erkannt, dass es &#8220;schlechten Sound&#8221; nicht gibt. Entweder ein Klang ist passend f\u00fcr ein Musikst\u00fcck oder eben nicht. Der kratzende Plastik\/Rasierapparat-Sound, der am Anfang von How weary I am zu h\u00f6ren ist, passt ganz genau zum Thema, er ist \u00e4sthetisch und inhaltlich genau richtig und ein sehr \u00e4hnlicher Gitarrensound ist \u00fcbrigens auch kurz in David Bowies &#8220;Space Oddity&#8221; zu h\u00f6ren. Letzteres spricht eher gegen den Einsatz in einem neuen St\u00fcck aber auch Originalit\u00e4t kann zum Dogma werden also bleibt das jetzt so.<\/p>\n<p>Freilich war das St\u00fcck damit noch l\u00e4ngst nicht fertig. Ich f\u00fcgte noch ein paar Leadgitarren hinzu und tat mein Bestes, um den Drumsound etwas brillianter und fetter wirken zu lassen. Dann gab ich einen Mix aus und machte ihn mit Jamin kompakter. Kompakt genug f\u00fcr ein Demo. Ich hatte f\u00fcr mein Linux Audio Proof of Concept Projekt schon einige andere Sachen aufgenommen und wollte auch St\u00fccke auf jamendo.com haben. Dort lud ich neben Ashita und What Hath Befallen Me auch das Demo von How Weary I Am hoch und dabei blieb es erst einmal.<\/p>\n<p>Ich hatte einige St\u00fccke auf verschiedenen Webseiten. Die Resonanz hielt sich in Grenzen, war aber \u00fcberwiegend interessant. Explizit f\u00fcr das Demo von How weary I am bekam ich keine Kommentare. Es befand sich aber auch nur auf jamendo. Ashita und auch Befallen verbreitete ich auch auf der Linux Audio User Liste und auf anderen Webportalen, wo die St\u00fccke durchaus ausf\u00fchrlich diskutiert und auch weiter verbreitet wurden. Das Demo von How weary I am fand ich nicht \u00fcberzeugend genug f\u00fcr eine weitere Verbreitung.<\/p>\n<p>Von Zeit zu Zeit versuchte ich weiter, einen zweiten Teil f\u00fcr das St\u00fcck zu finden. Dabei kamen erst einmal ganze 20 Sekunden zustande. Der Teil, in dem Freds Schlagzeug durch ein in Seq24 programmiertes Drumpattern ersetzt wird und in dem ich mit Grabesstimme verk\u00fcnde:<\/p>\n<p>Und wenn ich Dir dann alles,<br \/>\naber auch wirklich alles,<br \/>\nganz genau erz\u00e4hlt habe&#8230;<br \/>\nWerde ich Dich fressen.<\/p>\n<p>Dazu hat mich Walter Adlers H\u00f6rspiel zu &#8220;Otherland&#8221; von Tad Williams angeregt. Es ist eine umgekehrte Version einer Ansage, die Mullet in seinem \u00e4gyptischen Tefi-Sim macht. Er sagt zu Sam, die er gerade gefangen hat: &#8220;Und wenn Du uns dann alles aber auch wirklich alles, ganz genau erz\u00e4hlt hast, werde ich Dich fressen.&#8221; Das mag manchem nicht im landl\u00e4ufigen Sinne &#8220;sch\u00f6n&#8221; vorkommen aber es ist doch immerhin recht originell und mir hat die Intensit\u00e4t dieser kleinen Ansprache sehr gefallen. Allerdings fand ich es h\u00fcbscher, aus Wissbegier Mitteilungsbed\u00fcrfnis zu machen.<\/p>\n<p>Dieses drollige Zwischenspiel reichte nicht ganz als zweiter Teil. Alles, was ich nun versuchte, ging von dem nur durch Umgreifen gespielten Gitarrenmotiv im Hintergrund der Ansage des Fressers aus. Das funktionierte nicht. Heute denke ich, dass man es durchaus h\u00e4tte hinbekommen k\u00f6nnen. Aber irgendwie fehlte der Antrieb, die Vision. Die Bilder, die das absteigende Motiv heraufbeschw\u00f6ren konnte, wirkten entweder konstruiert-b\u00fcrokratisch oder verschwommen; irgendwie virtuos aber richtungslos. Daf\u00fcr brachte ich nicht gen\u00fcgend Disziplin auf.<\/p>\n<p>Im Sommer 2009 las ich alle B\u00e4nde von Frank Herberts Dune und sah einige Ausschnitte aus der Miniserie, die der ScFi-Channel zu Children of Dune gedreht hatte. Beides zusammen brachte mich auf die Idee, etwas wie ein Filmthema zu entwickeln. Ich stellte mir etwas vor, das ein bisschen wie der Einsatz des zweiten Teils von Ozzy Osbournes &#8220;No more tears&#8221; klingt. Bei genauerem Nachdenken kam ich darauf, dass in meiner Idee auch einiges aus dem Soundtrack von Sin City steckt. Ich hatte das, woraus die meisten meiner St\u00fccke entstehen: eine ungenaue, abstrakte Vorstellung davon, wie das St\u00fcck wirken sollte. Und einen Namen: Tyrant Theme.<\/p>\n<p>Ich kam irgendwann Anfang 2010 in meinen Arbeitsraum im DGZ-Geb\u00e4ude und hatte die Vorstellung von einem sehr kr\u00e4ftigen Bassmotiv im Kopf. In einem neuen Qtractor-Projekt komponierte ich eine Weile daran herum, es bekam aber nicht den gew\u00fcnschten Groove. Sowas l\u00e4sst sich wohl auf einem richtigen E-Bass doch besser spielen als mit einem Sampler. Nur so zum Spass nahm ich aber das, was ich zustande gebracht hatte, auf eine Spur in Ardour auf. Weil ich nicht extra ein neues Projekt aufmachen wollte einfach auf eine neue Spur in meinem alten How Weary I Am Projekt. Dort f\u00fcgte ich einfach einen passenden Geschwindigkeitswechsel nach der Fresser-Ansage ein und dann lie\u00df ich das Motiv in Qtractor 5 mal durchlaufen.<\/p>\n<p>Der Bassanteil in meinen St\u00fccken kommt schon immer von tiefer gestimmten Gitarren und Drumsounds. Einen einigerma\u00dfen echt klingenden Bass zu haben, klang f\u00fcr mich recht interessant. Ich programmierte schnell noch einen passenden, schleppenden Schlagzeuggroove in Hydrogen und nahm auch diesen auf eine neue Spur auf. F\u00fcr Gitarrensounds war ich zu diesem Zeitpunkt bereits auf Guitarix umgestiegen. Dessen damals neues gx_head Interface ist bis heute mein Leib-und Magen Verst\u00e4rker. Damals hatte ich gerade einen l\u00e4ngeren Artikel f\u00fcr das Linux Intern Magazin \u00fcber Guitraix\/gx_head geschrieben und kannte mich also ziemlich gut mit Brummers Emulator aus. Also fantasierte ich mit den von mir f\u00fcr gx_head gebauten Presets ein bisschen zu Bass und Drums des neuen Tyrant Theme &#8212; immer im Geist der Bilder, die Herberts Dune zusammen mit den Clips aus der Miniserie in mir hervorgerufen hatten.<\/p>\n<p>Irgendwann war mir ein passendes Riff eingefallen und ich fing von vorn an. Auf drei Spuren nahm ich erst das Riff zwei mal und dann ein neues Gitarrenmotiv zum Riff auf. Alles innerhalb etwa einer Stunde und das meiste davon ist im fertigen St\u00fcck unver\u00e4ndert zu h\u00f6ren. Endlich hatte ich meinen zweiten Teil. Der schrie aber noch nach einer Steigerung und nach einem akzeptablen Schluss.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 2010 probierte ich verschiedene M\u00f6glichkeiten aus und kam schlie\u00dflich zu einem ruhigen Interludium auf welches das Begleitmotiv vom Anfang des zweiten Teils sehr laut als Riff folgte. Ich nahm zuhause auf dem Laptop mit meiner Ibanz RG und im Studio auf der Workstation mit der tiefer gestimmten Jolana Diamant hunderte von Gitarrentakes auf. Gleichzeitig bastelte ich viele viele Stunden an den Drums.<\/p>\n<p>Ein lebender Schlagzeuger kann solche St\u00fccke besser, als man es ohne weiteres programmieren kann. Ich hatte viel zu tun, bis die Samples und Loops auf etwa 12 Spuren in Ardour einigerma\u00dfen \u00e4hnlich lebendig und \u00fcberraschend wie ein echtes Schlagzeug wirkten. Gleichzeitig habe ich gern auch die besonderen Qualit\u00e4ten, die mit programmierten Drums m\u00f6glich sind. So habe ich wenigstens noch 10-12 l\u00e4ngere Sessions innerhalb 3-4 Monaten f\u00fcr die Drums gebraucht. Dabei habe ich viele interessante Funktionen von Ardour f\u00fcr mich entdeckt und kennengelernt &#8212; seitdem wei\u00df ich, warum man ein reines Audio-Programm wie Ardour zurecht auch einen &#8220;Audio-Sequencer&#8221; nennen kann.<\/p>\n<p>Ich habe hunderte von Takes gel\u00f6scht und andere daf\u00fcr aufgenommen. Manche Sachen gingen auch sehr schnell. So habe ich in etlichen Sessions bestimmt 2 Stunden Material mit Alsa Modular Synth eingespielt, von denen vielleicht 80 Sekunden im fertigen St\u00fcck \u00fcbrig geblieben sind. Bei einem kurzen Test von Bristol habe ich in einer viertel Stunde etwa 30 Sekunden Material aufgenommen, die ebenfalls im fertigen St\u00fcck gelandet sind. Es ist die anschwellende, zwitschernde Synthesizerwolke nach dem Fresser und in der ruhigen \u00dcberleitung.<\/p>\n<p>Anfang 2011 fragte ich Christoph L\u00f6ffler, unseren Gitarristen aus Symposion of Sickness Zeiten, ob er nicht mitspielen wolle. Er brachte seine Ibanez mit und wir bauten einen Patch f\u00fcr Guitarix. Christoph ist bemerkenswert. Er kann nicht nur altmeisterlich in \u00d6l malen, sondern auch praktisch aus dem Nichts unbeschreiblich orgelnde, virtuose Gitarrensolos spielen. Und dabei bekommt er grunds\u00e4tzlich einen durchdringenden, geradezu anfassbaren Ton hin. Nach kurzem Einspielen, dessen Ergebnisse teilweise noch im Schlussteil enthalten sind, haben wir gemeinsam die kurze Walzerfanfare f\u00fcr die \u00dcberleitung gebaut.<\/p>\n<p>Danach sollte es eigentlich in 3\/4-Takt weitergehen, irgendwie hat dann aber doch das schon vorhandene langsame 4\/4-Material sehr gut funktioniert und so l\u00e4uft der letzte Teil von How Weary in einem teilweise walzerartig betonten 4\/4 Takt.<\/p>\n<p>Nach diesen Sessions war die Struktur des St\u00fccks klar. Schon einige Monate vorher hatte ich durch einen Zufall einen nahezu gespenstisch guten Schluss gefunden. Da die neuen Aufnahmen aber zu diesem Zufall nicht recht passen wollten, verbrachte ich noch etliche weitere Stunden damit, das spontan entstande Motiv passend zum neuen Material noch einmal absichtlich nachzuspielen.<\/p>\n<p>Die Idee des Tyrant Theme war l\u00e4ngst in den 40 Spuren des zweiten Teils versunken. In den Windungen der inzwischen mehr als 1000 Regionen aus mehr als 500 aufgenommenen Dateien, in den labyrinthischen Gr\u00e4ben mehrerer sich \u00fcberlagender virtueller Drumkits, in den vielen Stimmen nach Geh\u00f6r gespielter Samples und Synthesizer und in den in 5 Jahren gewucherten, mit 4 verschiedenen Gitarren in dutzenden virtuellen R\u00e4umen auf verschiedensten Versionen veschiedener virtueller Gitarrenverst\u00e4rkern gespielten Gitarrenlinien verlor ich die Orientierung und im Bewusstsein, dass ein akzeptables Ergebnis nicht mehr weit sein kann, habe ich die Arbeit an How Weary I am im Mai 2011 aufgegeben.<\/p>\n<p>Ich hatte an wenigstens 100 Tagen an dem St\u00fcck gearbeitet, manchmal 6 Stunden, manchmal 10 Minuten, meist 1-2 Stunden. Auf jede im Projekt verarbeitete Minute Material kommen 5, die ich wieder gel\u00f6scht habe. Von einigen 5 Minuten langen Takes sind nur 3 Sekunden zu h\u00f6ren, andere Elemente(wie der Gesang am Anfang) sind erste Takes unver\u00e4ndert. Mit der Entwicklung des St\u00fccks entwickelte sich auch die Audiosoftware f\u00fcr Linux. Ich habe f\u00fcr How weary I am alle in diesem Zeitraum erschienenen Versionen von Ardour2 benutzt und getestet. Alleine zu Ardour habe ich w\u00e4hrend dieser Zeit 4 gr\u00f6\u00dfere Artikel f\u00fcr deutsche Linux-Magazine geschrieben. Auch viele Screenshots zu meinen Artikeln \u00fcber Guitarix und Rakarrack, CAPS\/C*-Plugins und zu LV2-Plugins von CALF und Invada stammen aus meinen Sessions zu How weary I am. Wenn ich Artikel zu Qtractor, Rosegarden oder Linux Distributionen wie Ubuntu Studio, 64Studio oder Suse\/JAD geschrieben habe, lief immer wieder die How weary &#8211; Session in Ardour. Der Projektordner ist mit allem Drum und Dran auch \u00fcber 3 Laptops und zwei Workstation-PC gewandert, bis er zum Schluss fest auf einer externen USB-Festplatte landete.<\/p>\n<p>Ich habe einen wesentlichen Abschnitt meines Lebens mit diesem Musikst\u00fcck verbracht. Zwei meiner Kinder sind in dieser Zeit geboren. Die Farbe meiner Haare wechselte von dunkelblond-meliert zu durchgehend grau\/weiss und ihre L\u00e4nge schwankte zwischen 30 Zentimetern 1996 und 2 Zentimetern 2005, mein Lebendgewicht stieg von 89 Kilogramm beim ersten Demo auf 108 beim ersten Versuch zum Tyrant Theme und war am Ende wieder auf ertr\u00e4glichen 91 angekommen. Ich habe viel, sehr viel erlebt in dieser Zeit und ich bin froh und dankbar, dass ich es erlebt habe.<\/p>\n<p>Musik ist ein ungenauer Begriff oder besser: ein ungenau benutzter Begriff. Allgemein gekl\u00e4rt d\u00fcrfte sein, dass Bachs Kunst der Fuge und die Symphonien von Mahler und Beethoven Musik sind. Bei Wagners Opern ist man sich schon nicht mehr g\u00e4nzlich einig und bei den Werken von Miles Davis und Thelonius Monk sind die Geister endg\u00fcltig geschieden. Fest steht aber eines: es ist m\u00fc\u00dfig, einen der Genannten mit dem zu vergleichen, was ich in den letzten 15 Jahren hervorgebracht habe. Das eine wie das andere als &#8220;Musik&#8221; zu bezeichnen, scheint mir wenig sinnvoll.<\/p>\n<p>Aber das, was ich mache, ist auch nicht nichts. Obwohl es mir nicht sehr leicht von der Hand geht, sehe ich zu, dass meine St\u00fccke etwas zu sagen haben. Was ist es also? ich w\u00fcrde den Begriff &#8220;Dramatische Klangkunst&#8221; vorschlagen. Das klingt sicher abgehoben und geschraubt, scheint mir aber einigerma\u00dfen treffend. Irgendwie k\u00f6nnte man auch von H\u00f6rspielen mit sehr starkem Untergewicht des Wortanteils sprechen. Oder von akustischen Filmen. Oder von irgendetwas in dieser Richtung. Wenn auch nicht Musik, so doch aus musikalischen Formen gebaut.<\/p>\n<p>Ende November 2011 gab ich den Arbeitsraum auf, in dem ich bis dahin auch an, nun ja, der Einfachheit halber: Musik gearbeitet hatte. Meine Workstation stellte ich in unser Wohnung auf und als alles an seinem Platz und verkabelt war, wollte ich es auch ausprobieren.<\/p>\n<p>Ich hatte Ubuntu 11.10 mit der KXStudio-Erweiterungen von Falk TX auf den Rechner installiert und nun Ardour, die meisten Plugins und Guitarix aus den jeweiligen Entwickler Repositories gebaut. Brummer hatte gerade in Guitarix einige neue Ampmodelle und diverse Verbesserungen der Klangerzeugung eingebaut. Nach anf\u00e4nglichen leichten Schwierigkeiten klang das ganz hervorragend. Ich war so aus dem H\u00e4uschen, dass ich gleich was damit aufnehmen wollte. Aus alter Gewohnheit lud ich die How weary \/Tyrant Theme Session im aktuellen Ardour2. Es klang gut, nur etwas extremer, als es tats\u00e4chlich sein sollte. Des R\u00e4tsels L\u00f6sung: im frisch verkabelten System hatte ein Mikrofon Signal von einem Samson Kleinmembran-Kondensator einen Weg zum Eingang von Guitarix gefunden. Das h\u00e4tte ich sehr schnell abstellen k\u00f6nnen aber was solls: wie klingt es eigentlich, wenn ich direkt in einen Patch singe, der &#8220;Total shred from hell&#8221; hei\u00dfen soll? Selbst einfaches Einatmen klang schon wie der Angriff eines Kampfraumschiffs &#8212; wunderbar! Und was sollte ich &#8220;singen&#8221;? Da wir es schon hatten, ein paar weitere Zeilen aus Nietzsches &#8220;Zarathustra&#8221; w\u00fcrden wohl passen:<\/p>\n<p>What good is my happiness,<br \/>\nit is poverty and pollution and wretched self-complacency<br \/>\nbut my happiness should<br \/>\njustify existence itself<\/p>\n<p>Da ich gerade einen Artikel zu Hydrogen geschrieben hatte, hatte ich auch einige neue, interessant klingende Drumparts zur Hand. Mit denen ersetzte ich die Drums aus dem ruhigen Zwischenteil, in den ich den Vierzeiler eingebaut hatte. Dazu lie\u00df ich eine mehrstimmige Gitarrenmelodie heulen, die noch 1-2 Stunden Arbeit machte. How weary I am war wieder zu Leben erwacht. Ich nahm an prominenten Stellen weitere, meist extreme Gitarreneskapaden auf, schnitt vieles weg, das in irgendwelchen Unterspuren herumgebrummt hatte und nach den Aufr\u00e4umarbeiten machte ich mich an einen akzeptablen Mix.<\/p>\n<p>Es ging schnell, es ging wie von selbst, am 06. 12. 2011 exportierte ich How weary I am in der Fassung, wie sie jetzt ver\u00f6ffentlicht ist. Ich habe diesen Mix jetzt einige Male auf verschiedenen Ger\u00e4ten geh\u00f6rt. An einigen Stellen h\u00f6re ich M\u00f6glichkeiten, das St\u00fcck noch extremer zu gestalten. Aber ich h\u00f6re nichts, was ich so nicht stehen lassen m\u00f6chte. Und vieles, was mich mit tiefer Genugtuung erf\u00fcllt: &#8220;Denen habe ich&#8217;s gezeigt! Iam the fucking greatest.&#8221; Wenn es mir Freude macht, ein St\u00fcck zu h\u00f6ren, gehe ich davon aus, dass es auch anderen anh\u00f6renswert erscheinen k\u00f6nnte. Obwohl man auch gute Dinge noch verbessern kann, soll es das jetzt sein.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche Euch allen, der ganzen Menschheit, angenehme 8 Minuten, 8 Sekunden und 8 Hundertstel Sekunden mit meiner Klanginstallation namens &#8220;How weary I am&#8221;.<\/p>\n<p>Hartmut Noack<br \/>\nzettberlin@linuxuse.de<br \/>\nBerlin, 21. Dezember 2011<\/p>\n<p>Verwendete Software<br \/>\n######################################<\/p>\n<p>Betriebsysteme:<\/p>\n<p>64Studio Electric<br \/>\nOpenSuse 10.1 bis 11.3<br \/>\nUbuntu Linux 6.4 bis 11.10<\/p>\n<p>HD-Recorder(DAW):<\/p>\n<p>Ardour 0.94 bis 2.8.12<br \/>\nQtractor 0.4<\/p>\n<p>Sequencer:<\/p>\n<p>Seq24(Bass, Drums)<br \/>\nHydrogen(Drums)<\/p>\n<p>Standalone Klangerzeuger und Effekte:<\/p>\n<p>CAPS\/C*+AMS (AMSGuitrack)<br \/>\nGuitarix<br \/>\nAlsa Modular Synth<br \/>\nBristol<br \/>\nSpecimen Sampler<\/p>\n<p>Plugins (LV2 und LADSPA):<\/p>\n<p>SWH, CALF, Invada, IR<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irgendwann im Jahre 1995(ich war gerade nach Berlin gezogen), hatte ich einen Traum. Mir tr\u00e4umte, dass ich bei einer Fahrt mit der Stra\u00dfenbahn eingeschlafen war und dass ich an einer Endhaltestelle am Rande der Stadt vom Fahrer der Bahn geweckt wurde. Ganz genau ist mir der Traum nicht mehr im Ged\u00e4chtnis. 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